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Harald mit der Hundeleine (ohne Hund)

Du kennst ihn, auch wenn du ihn nicht kennst. Harald. Sitzt oft am Rand vom Spielplatz beim Rewe, zwischen zwei Büschen, mit dieser verdreckten, neonfarbenen Hundeleine um die Hand gewickelt. Aber da ist kein Hund. Nie gewesen. Auch keiner gestorben. Nur Harald und die Leine – wie ein Duo aus ’nem schrägen Apokalypsefilm, den keiner drehen will.

Er sagt nix. Nie. Guckt dich an mit ’nem Blick, als wärst du gerade in seine verdorbene Leber getreten. Aber keiner geht zu nah. Die Leute machen einen Bogen, sogar die anderen Penner. Weil bei Harald was mitschwingt, so eine unsichtbare Drohung. Keine Gewalt – mehr so… Unverständnis. Wie bei einem alten Fernseher, der nur noch Schnee zeigt, aber du weißt, da war mal was drauf.

Der Ruf:

In der Szene heißt’s: „Wenn Harald steht, fall nicht um.“ Was das heißt? Keiner weiß es. Vielleicht weil er meistens sitzt. Vielleicht weil er mal jemanden durch bloßes Aufstehen vertrieben hat – ohne Worte, nur durch Präsenz. So wie du auch nicht gegen eine Mauer rennst, die aussieht, als hätte sie heute schlechte Laune.

Einmal hat einer versucht, ihn zu verarschen – ein Jungspund, neu im Viertel, mit frischer Jacke und loser Schnauze. Hat Witze gemacht über den fehlenden Hund. Zwei Tage später lag er mit Nasenbeinbruch hinterm Altglascontainer. Zeugen? Keine. Harald? Saß da wie immer, mit Leine und leerem Blick. Vielleicht war’s nicht mal er. Vielleicht war’s die Leine.

Die Leine selbst:

Rote Plastikfasern, ausgefranst, das Gurtband eingerissen, aber Harald wickelt sie täglich neu um seine Hand, wie andere den Rosenkranz. Manche sagen, er redet mit ihr nachts. Andere meinen, das ist sein Anker – solange er die Leine hat, bleibt er an Ort und Stelle. Ohne sie? Wandert er los. Wohin? Keine Ahnung. Vielleicht dahin, wo der Hund ist. Vielleicht in die Vergangenheit, bevor’s gekippt ist.

Ein alter Hannes meinte mal, Harald war früher Tierpfleger. Hat alles verloren – Frau, Wohnung, Job – als der Hund gestorben ist. „Ein Riesenvieh, Rottweiler oder sowas. Haralds Ein und Alles. Und als der nicht mehr war, hat Harald die Leine behalten. Weil der Hund vielleicht noch kommt. Irgendwann.“

Andere sagen, völliger Quatsch. Der hatte nie ’nen Hund. Der hat einfach früh zu viel vom Gammelglück getrunken, ist hängengeblieben im Dazwischen. Die Leine ist sein Mantra, seine Tarnkappe, seine stille Warnung.

Die Wahrheit?

Die Wahrheit ist: Harald braucht keinen Hund. Er ist der Hund. Wachsam, loyal, gefährlich wenn provoziert. Einer, der sein Revier kennt und dich fix durchschaut. Und wenn du glaubst, du kannst ihm was beibringen – dann gute Nacht, Kamerad.

Also wenn du ihn siehst: Sag nichts. Guck nicht zu lang. Und fass die Leine nicht an. Niemals die Leine anfassen.

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